Vor einigen Wochen hatte ich Gelegenheit zu einem Telefoninterview mit Arne Gillert. Herr Gillert ist einer der beiden deutschen Berater bei Kessels & Smit, einem niederländischen Netzwerk von Personal- und Organisationsentwicklern. Aufmerksam geworden auf die “Lernende Firma” bin ich durch den gleichnamigen Artikel der Maiausgabe 2008 von brand eins.

In dem Artikel wird ein Unternehmen beschrieben, das von seinen Gründern an die Mitarbeiter verkauft wurde. Ein Unternehmen, das Hierarchie durch Kooperation ersetzt. Ein Unternehmen, an dem jeder beteiligt ist. Eines, in dem Mitarbeiter bewusst ein Drittel ihrer Zeit für die eigene Weiterentwicklung einsetzen, aber auch die Verantwortung haben, ihre eigenen Projekte zu akquirieren und umzusetzen. Das verbindende Prinzip dahinter ist Attraktivität - sowohl für den internen Markt, um Kollegen für Projekte zu aktivieren, als auch für den externen Markt, um Projekte Arbeit zu erhalten.
Fasziniert hat mich der Artikel vor allem deshalb, weil ich an die Innovationskraft, Lernfähigkeit und Eigeninitiative von Menschen glaube, die durch herkömmliche, starre Managementsysteme einfach gestört werden. Darüber hinaus ist die Vorstellung, ein Unternehmen zu schaffen, an dem alle wirklich beteiligt sind, sehr spannend. Wie kann das funktionieren?
Die Eckdaten: Kessels & Smit hat rund 60 Mitarbeiter, davon arbeiten 20 in den Dependancen in Belgien, Südafrika und Indien. Das Hauptbüro ist in Utrecht. Das Unternehmen arbeitet erfolgreich mit Firmen wie Heineken, Alcatel-Lucent und auch im öffentlichen Bereich. Es ist als Netzwerk organisiert, d.h. jeder Mitarbeiter ist Miteigentümer und für seine Umsätze selbst verantwortlich.
Etwa 30% bis 40% aller niederländischen Fachpublikationen zum Thema Organisationsentwicklung stammen aus ihrem Haus. Die Mitarbeiter bleiben durchschnittlich 5 oder mehr Jahre im Unternehmen.
Drei Prinzipien
Das Unternehmen Kessels & Smit basiert auf drei Prinzipien
- gegenseitige Attraktivität
- persönliches Unternehmertum
- die lernende Firma
Bilanz: Umsatz und interessante Arbeit durch gegenseitige Attraktivität
Im Mittelpunkt des Erfolgs von Kessels & Smit stehen nicht Umsätze, sondern vielmehr die Grundidee, dass Mitarbeiter mit ihrem Wissen und ihren Projekten füreinander (intern) und für ihre Kunden (extern) attraktiv sind. Im Mittelpunkt entsteht ein Marktplatz für Projekte und Ressourcen, die durch eine ausgereifte Fragekultur bzgl. ihrer Attraktivität abgeklopft werden. Uninteressante Projekte werden nicht gemacht. So besteht die Bilanz des Netzwerkes und damit des Unternehmens immer aus zwei Bestandteilen: Umsatz und interessante Arbeit.
Jeder Mitarbeiter ist auch Eigentümer
Jeder Mitarbeiter, mit Ausnahme von Neuzugängen, ist am Unternehmen beteiligt und arbeitet ausschließlich für Kessels & Smit. So hat jeder immer ein Interesse an der positiven Entwicklung seines Unternehmens, zahlt aber auch einen Sockelbeitrag für administrative Overheads, Infrastruktur usw. von 30% seiner Umsätze. Nicht nur Kosten sondern auch die Gehälter aller sind bei Kessels & Smit transparent. Denn: “Intransparenz führt zum Wunsch nach Bonifikationen in Euros und Neid,” so Gillert. “Wenn jeder den Vertrag des anderen kennt, ist das nicht mehr interessant.” Es kommt im wesentlichen auf den Wertbeitrag zum Netzwerk an. Jeder ist für seine eigenen Umsätze selbst verantwortlich, die er in der Regel zu 75% aus eigenen Projekten auf Stundenbasis und 25% aus Aufträgen des Netzwerkes erwirtschaftet. Um Ressourcen (Partner) für ein Projekt zu bekommen, muss diese Arbeit auf dem internen Markt interessant genug für andere sein - inhaltlich wie finanziell. Das bedeutet Akquisition allein wird nicht belohnt. Und lohnt sich auch nicht für denjenigen, der nur Projekte machen, aber nicht akquirieren möchte. Er befindet sich in einer Abhängigkeit und das macht ihn unattraktiv. Wie also dieser Situation entkommen, wenn man nicht so gut wie die anderen ist? Die Antwort darauf heißt: lernen.
Ein Drittel der Zeit für die persönliche Weiterentwicklung
Wenn die Firma allen gehört und Umsätze gemeinsam erwirtschaftet werden, muss man unmittelbar darüber nachdenken wie gut das Produkt (jeder einzelne) ist und wie man es so attraktiv hält, dass es am Markt reüssieren kann. Aus diesem Bedarf entsteht “ein dauerndes Gespräch darüber, was ihre Leidenschaft (d.h. die der Mitarbeiter, Anm.) ist und wohin sie sich entwickeln wollen,” so Gillert. Jeder hat ein Auge darauf, wie es dem anderen geht und nimmt sich Zeit dafür. Man lernt durch Zusammenarbeit, was eine schnelle persönliche Entwicklung ermöglicht und Talente erkennen lässt. Ein Drittel der Zeit investiert jeder in seine persönliche Weiterentwicklung. Es werden sogar Projekte unentgeltlich durchgeführt, um zu lernen - auch von Kunden. Wichtig ist es immer, eine Frage zu finden die beide interessiert. So wurde unlängst eine ganze Zeitschriftenausgabe von Kessels & Smit gefüllt, einzig weil man damit eine wesentliche Frage in der Organisationsentwicklung beantworten wollte.
Innovation durch alle
Ein weiteres Ergebnis der Arbeit und Abhängigkeit im Netzwerk ist, dass Innovation durch alle gemeinsam durchgeführt oder getragen wird. Innovation braucht Zeit. Mitarbeiter, die bestimmte Dinge weiterentwickeln wollen, z.B. die Marke, bitten ihre Kollegen die Akquise für sie zu übernehmen, um Zeit für Innovation zu haben. Dadurch wird eine potenzielle Entwicklung gleich auf ihren Wert und die dafür investierte Zeit hin überprüft: wenn sich niemand für die Akquisition findet, kann das am Thema des Innovationsprojekts liegen.
Wenn einer verantwortlich ist, gewöhnen sich alle daran
4 Mitarbeiter haben Mehrheitsanteile, aber entscheiden nicht. Für die wesentlichen Themen wird daher monatlich eine 4-stündige Diskussion mit allen geführt. Diese ist eher als eine Einladung an Dritte zu verstehen, um Verantwortung zu übernehmen. Denn, so Arne Gillert:
“wenn einer verantwortlich ist, gewöhnen sich alle daran.”
Das hat weitreichende Auswirkungen auf zwei wesentliche unternehmerische Themen: organisatorische Rollen und Strategieentwicklung. Wenn jeder von allein Verantwortung für Themen und Projekte übernimmt, ist eine Hierarchie als solche nicht mehr notwendig. Hierarchien sind darüber hinaus auch nicht in der Lage einen internen Markt zu schaffen, weil es hier nicht um echte, sondern um vorgegebene Attraktivität geht. Das gilt gleichermaßen für die Strategieentwicklung: “eine Richtung entsteht, zunächst diffus, ist aber immer einer Weiterentwicklung (aller, Anm.).”
Wieviele Tage im Jahr wollen Sie lernen?
Die Aufnahme neuer Mitarbeiter ist ein langer, sehr wichtiger Prozess bei Kessels & Smit. Weil Kessels & Smit im Netzwerk arbeiten und die Marke (lediglich) eine Form ideologischen Überbaus ist, sind nur die wenigstens Mitarbeiter Angestellte. Neue Mitarbeiter werden vor allem deshalb angestellt, weil sie noch zu jung oder noch nicht risikobereit genug sind, ausreichend unternehmerisch zu handeln.
Während des Einstellungsprozesses führt der Bewerber eingangs sehr viele Gespräche mit vielen Partnern, um zu sehen ob man wirklich zueinander passt. Ein wichtiger Bestandteil der Gespräche ist die Frage nach der Lern- und Arbeitsbereitschaft:
“Wieviel Tage wollen Sie im Jahr arbeiten, wieviel Tage wollen Sie lernen.”
Darüber hinaus wird geklärt ob ein Partner die Rolle des Mentors übernehmen wird. Dieser trägt dann auch die unternehmerische Verantwortung für den neuen Mitarbeiter.
In einer intensiven Diskussion wird dann das Umsatzziel festgelegt, wovon 50% dem Bruttogehalt entsprechen. Der Umsatz setzt sich wie folgt zusammen: rund 60% werden von jedem selbst verantwortet, etwa 40% bekommt er aus dem Netzwerk. Neue Mitarbeiter sind für das Netzwerk jedoch noch nicht attraktiv genug und können ihre Umsatzziele so auch nicht erreichen. Sie wären von der Situation überfordert. Daher ist das Mentorensystem wichtig, um einen für den externen und internen Markt attraktiven Mitarbeiter zu entwickeln.